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Der Küchenkasten
erlauscht von Günter Neuwirth

Fridolin Waldläufer
Blatt 13: Der Weg in die Alpen

Da folgte ich also dieser Gruppe von frühen Menschen, deren Kenntnisse so augenfällig den Kenntnissen anderer Menschen ihrer Zeit überlegen waren. Ich war neugierig geworden. Die Gruppe ward getragen von einer weisen alten Frau und geführt von einem umsichtigen Mann. Die Männer und Frauen waren stark wie alle Menschen dieser Zeit, sie konnten Tag um Tag marschieren, mit ihren Habseligkeiten auf dem Rücken, sie aßen und tranken, was sie fanden, doch vor allem sammelten sie Wissen, Erkenntnis und Güte. Die Kinder in dieser Gruppe lachten noch nach zehn Stunden Marsch und spielten und sangen unbeschwert am Lagerfeuer des Abends.

Ich beobachtete sie fünf Jahre lang auf ihrem Weg über die weiten Ebenen nördlich des Kaukasus. Drohten sie in die Irre zu laufen, wies ich ihnen mit kleinen Zeichen den Weg. Die Alte bemerkte alsbald, dass ein guter Geist sie leitete, doch auch eine Frau solch heller Sinne bekam mich nicht zu Angesicht. Ich war sehr vorsichtig gegen die Menschen, ja, ich hatte Furcht vor ihnen in jener Zeit und aller. Vor den Menschen jener Gruppe allerdings verlor ich bald die Furcht, denn keine Gruppe, die je meinen Weg gekreuzt oder von der ich aus Erzählungen gehört hatte, pflegte einen so friedfertigen Umgang mit sich und der Welt.

Bald kamen sie in die westlichen Berge des großen Kontinents, und die Wälder waren so voller Wild, die Bäche von klarem Wasser, die Kräuter sprossen so üppig, dass sie die Geister der Berge baten, hier siedeln zu dürfen. So wurden sie sesshaft in den Alpen und bauten ein Dorf im Sommergrün eines entlegenen, stillen Tales. Als ihre Hütten dem ersten Winter standhielten und keiner der ihren verhungert war, priesen sie mich, ihren Wegweiser, mit einem schönen Frühlingsfest.

Ich wanderte weiter und erwog den Gedanken, dass diese Gruppe von bescheidenen, klugen und friedlichen Menschen wohl den Weg zu einer großartigen Zukunft der Menschheit gefunden haben könnte und alle Waldbewohner sie nach Kräften fördern sollten. So berief ich eine Versammlung der Waldläufer ein, trug meine Beobachtung vor und es ward beschlossen, dass ich eine Delegation meiner Schwestern und Brüder in dieses Tal führen sollte, damit wir gemeinsam diese Menschen beobachten und mit ihnen schließlich in Kontakt treten könnten.

Nur drei Jahre, nachdem ich das Tal verlassen hatte, kehrte ich mit einer Schar von Waldläufern zurück. Wir waren voller Neugier und Erwartung, diese Menschen, die mir zu guten Freuden geworden waren, zu treffen.

In jenem Tal der Alpen fanden wir die Häute der ersten Bewohner aufgespannt zwischen den Bäumen, ihre Schädel auf in die Erde gerammten Lanzen gespießt, ihre Gebeine zu Mehl zerrieben, mit dem sich die neuen Bewohner in ihrem bizzaren religiösen Wahn die Körper beschmierten. Nicht einer der Gruppe war verschont worden, nicht eine Hütte stand noch, nicht ein Werkzeug war erhalten geblieben. Die neuen Bewohner wälzten sich in ihrem Kot, verstümmelten sich mit Messern selbst an den Geschlechtern und gingen auf Kriegszüge, um andere Menschen zu unterjochen und in blutigen Ritualen ihrem grausamen Gott zu opfern.

Wir Waldläufer berieten uns und es ward beschlossen, die Toten zu betrauern und mich als Wächter der Gräber und als Beobachter der gefährlichen und wahnsinnigen Stämme dieses Landstriches zurückzulassen. Seit dieser Zeit durchstreife ich die Alpen und ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich die Vögeln Warnrufe vor den schlechten Menschen dieses Landstriches habe in die Welt tragen lassen. Ungezählte Male, ungezählt.



Dies ist eine nicht-kommerzielle Publikation satirischen Charakters
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