Wie Sie ja wissen, werte Leserinnen und Leser, bin ich als Aktionär meiner selbst zuletzt bombastisch gescheitert, tja, die einzige Freiheit, über die wir blasshäutige Europäer verfügen, ist in Form der Wirtschaftsliberalität ein Glück, das nicht jeder dahergelaufenen Leseratte hold ist. Ein guter alter Bekannter, den ich jahrelang nicht getroffen habe und der mir erst letzthin in meinem Kaffeehaus sozusagen über die Latschen gestolpert ist, nämlich weil er wegen seiner exorbitanten Geschäftserträge ein paar Gläser Prosecco zu viel erwischt hatte, erzählte mir in illuminierter Stimmung von seinen zündenden Businesserfolgen. So lernte ich wieder ein wenig mehr über das Funktionieren unserer Welt und konnte darob beim Ober getrost noch ein Viertel Veltliner ordern.
Mein Bekannter hatte nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften, welches er mutig lange vor den Abschluss quittiert hatte, um im rauen Wind der freien Wirtschaft seinen Mann zu stellen, eine zündende Geschäftsidee. Wie sich das so gehört, hatte der gute Mann umfangreiche Marktanalysen, Machbarkeitsstudien und Medienbeobachtungen angestellt, um auch sicherzugehen, dass er seine höchst wertvolle Arbeitskraft und das erkleckliche Vermögen, welches er von einem lieben Onkel ererbt hatte, sinnvoll und zukünftige Bonität sichernd investieren würde. Schnell war er zu einem positiven Ergebnis seiner Bemühungen gekommen und hatte begonnen sogleich sein Geschäft einzurichten.
Und das Geschäft brummt, wie man so schön im deutschen Fernsehen sagt.
Wie nun, fragen Sie sich bestimmt voller ungebremster Neugier, wie nun ist diese so erfolgreiche Geschäftsidee gestaltet? Liebe Leserinnen und Leser, sie können sich denken, dass auch das meine Frage war, für deren Beantwortung sich mein lieber alter Bekannter gerne und ausführlich Zeit genommen hat.
Also, man weiß ja mit mathematischer Gewissheit, dass in Ernährungsfragen der gesamten Menschheit keineswegs ein Problem besteht, alle etwa sieben Milliarden Zeitgenossen täglich mit einer ansprechenden Menge an Weizen, Reis, Mais und Bohnen zu versorgen, aber da die lieben Menschen sich ein kulturelles System eingerichtet haben, in dem die einen Zeitgenossen vor dem überfüllten Kühlschrank mit der Kalorientabelle und den cholesterinwertesenkenden Pharmapräparaten darben, während die anderen Zeitgenossen im Staub nach vereinzelten Reiskörnern scharren, ergibt sich eine interessante Referenz, auf die mein Bekannter gestoßen war und sie sogleich in eine blühende Geschäftsidee umgemünzt hatte. Durch die Asymmetrie der Verteilungsstruktur von Nahrungsmitteln ergibt sich rein statistisch die interessante Konstellation, dass die Wohlstandsmenschen, wie sie etwa hier in Mitteleuropa in natura allenthalben anzutreffen sind, den Armutsmenschen, wie sie anderenorts etwa in Afrika oder Asien oder sonst wo vorzufinden sind, buchstäblich die Leberknödel und Grießnockerl aus der Suppe essen. Wie mein Bekannter anschaulich ausführte, basiert diese interessante Asymmetrie der Verteilungsstruktur darauf, dass hierorts alle Badezimmerwaagen erschreckende Mengen an T-Bone-Steaks, Cevapcici und Wiener Schnitzel verspeist, in kardiologisch bedenklichem Umfange Kaffee geschlürft und automobilistisch antriebsstarke Quanten fälschlich so geheißenen Biosprits getankt werden. Auf der Basis dieser Beobachtungen, die durch Rechenleistungen jederzeit zu verifizieren sind, fand mein Bekannter heraus, dass, in einem statistischen Sinne, jeder Wohlstandsbürger durch seine Verhaltensweisen als solcher, alle 4,12 Jahre ursächlich und direkt einen statistisch ermittelten Armutsbürger höchstpersönlich und im schönsten Fall mit den Sektglas klingend den hungermäßigen Garaus macht.
Mein Bekannter ging nun daran, Namenslisten von Verstorbenen, vorzugsweise welcher, die das vierte Lebensjahr nicht erreicht haben, von den entsprechenden Datenbanken aus Ländern wie Somalia oder Bangladesh, downzuloaden, die vorgefundenen Namen mit im Internet aufgespürten Fotos unbekannter Armutsmenschen und frei erfundener, höchst tragischer Lebensläufe zu verknüpfen und diese Dokumente, so genannte HMPs – „Hope of Mankind Profiles“ – an investitionsfreudige Wohlstandsmenschen zu verkaufen, mit dem Hinweis nämlich, durch die Investition für den jeweiligen infantilen Armutsmenschen eine würdige Grabesstatt zu besorgen.
Selbstredend werden die entsprechenden Gräber feierlich mit Vergissmeinnicht und Kerzen drapiert (sofern man sie im Internet überhaupt findet), der marginale Rest der Geldbeträge verbleibt zur Deckung der horrenden Betriebskosten im Unternehmen meines Bekannten, der im übrigen erst letzte Woche einen neuen Ferrari in der Farbe seines neuen Jacketts gekauft hat und mich spendabel noch auf einen Liter Veltliner, ein Cordon bleu und einen großen Braunen eingeladen hat. Den Kanister Biosprit, den mein Freund mir ebenso spendierte, konnte ich leider wegen meines bedauernswerten Zustands als führerscheinfreier Autoloser nicht nutzen und spendete nämlichen einem beliebigen frühadoleszenten PS-Muskelprotz auf der äußeren Mariahilferstraße.
Meinerseel, Ideen braucht die Wirtschaft, das ist alles!
