Was sah er da? Was musste er da sehen? Eine heransausende Faust, dann von der Wucht des Schlags geblendet nichts mehr. Er taumelte, verlustig gegangen des Gefühls für die Schwerkraft, der er auf Schritt und Tritt die haltlose Aufrichtigkeit seines Wesens abzutrotzen hatte, und fiel. Wohin? Kometen schlugen auf der dunklen Seite seines lunatischen Kopfes ein, doch er sah vom Kosmos nicht ein Sternchen, nur interstellaren Nebel, aus dem starrende Fratzen hervorblitzten, bevor aufgewirbelte Wolken des Schmerzes sie wieder verschluckten.
Während Moustérien dem Kolporteur vor dem Supermarkt sozialromantische Avancen gemacht hatte, hatte sich von ihm unbemerkt eine Gruppe von Jugendlichen genähert. Der Migrationshintergrund, den ihr Teint vermuten ließ, schmerzte ihn beinahe mehr als ihre Hiebe, Tritte. Als ihm die Letzteren sportliche Markenschuhe vor Augen führten, raffte er sich noch einmal auf, um mit erhobenen Armen um Gehör zu bitten. Die Schläger, die es offenbar nicht eilig hatten, legten eine Pause ein.
"Habt Dank, ihr somnabulen Sohnemänner", stöhnte Moustérien Blut spuckend, "denn nun sehe, spüre ich's ganz deutlich: Konsum- und Gewaltbereitschaft gehen Hand in Hand! Ja, ist es denn nicht so: Der konsumatorische Imperativ wurde euch von klein auf eingebleut, also nehmt ihr die Prügel, wenn's Schnäppchen sind, auch in Kauf? Man sagt euch, ihr wärt schlechte Verlierer, doch wie gut ihr mitspielt, zeigt mir euer hilfloser Hass. Das Konto überzogen, die Wut im Bauch nur mühsam unterdrückt, probt ihr den politischen Aufstand beim Handyraub. Welch fette Beute des Wahnsinns ihr doch seid! Was wollt ihr? Bevor er sich endgültig verkrümelt, vom zerfressenen Mutterkuchen Erde selbst noch schnell ein Stück? Natürlich! Anstatt die Privilegien, die euch systematisch verwehrt wurden, in Frage zu stellen, wollt ihr sie einfach nur selbst haben. Ihr wollt sie! Darum eure Sehnsucht, andere zum Opfer zu machen! Darum lässt ihr euch auch von euren Feinden umarmen, wenn sie nur das richtige Gebets- und Gängelband am Handgelenk tragen. Welch orthodoxer Ablasshandel: Erhöre mich, o unsichtbare Faust des Marktes, und drisch auf jemand anderen ein!"
Man setzte die unterbrochene Körperverletzung fort. Waren es wirklich wandelnde Frustrations-Aggressions-Hypothesen, die da auf ihn, ihre aus welchen Gründen auch immer auserwählte Persona non grata, einschlugen - wie Uhrwerke aufgezogene Früchtchen? Sein ideologischer Turnierhelm zerbrach. Sein bildungsbürgerlicher Zylinderhut wurde plattgemacht. Beethoven trat ihm den Schädel ein und verlegte sich auf atonale Musik. Ein zuckendes Fleischbündel, ein Schmürz suchte das Erhabene in der Niedergeschlagenheit. Schuf in sich aus dem Nichts eine Ars moriendi.
"Bleibe dabei", lallte Moustérien mit dem Ende zu geneigter Zunge. "Du hast deine Mondänität erst zu beweisen, o Menschenwelt, indem du der Globalisierung des Handels endlich die Globalisierung der Armut folgen lässt, dem freien Warenverkehr den freien Personenverkehr der Habenichtse! Und wenn sie uns unter die Augen treten, uns für einen Moment die Sicht verperrend auf die glanzvollen Schaufenster der Geschäfte, doch die Augen öffnend, dann wissen wir erst, wer wirklich den Preis zu zahlen hat für all das, was wir kaufen. Versteht mich nicht falsch, ihr Gfraster: Auch ich ging für mein Lebtag gerne einkaufen, doch nur, um der Kassiererin nahe zu sein. Bleibe beileibe dabei: Love is all we …"
Zum Glück wurde Moustérien noch rechtzeitig ins Spital gebracht. Der Kolporteur hatte inzwischen die Polizei gerufen. In ihrem Gewahrsam verbrachte der Lebensretter die Nacht. Nach den Amtshandlungen, die ihm die Polizei hatte angedeihen lassen, würde er sie nie wieder rufen, das schwor er sich am nächsten Morgen auf Romanes, während er darauf wartete, dass die Supermärkte öffneten.
