Im Stolpern über die Füße gelingt mir fremder Unmut mit Leichtigkeit – die
Beine gehören einem Fremden. Ich muss nur bereitwillig weitergehen und
mich darauf besinnen und im Schritt mich überraschen lassen, erschreckend
zwar ohne zu straucheln, schon verziehend den Mund errappeln, ein Stöhnen
ausposaunend.
Nur halte ich.
Bloß halte ich mich.
Ganz bleibe ich still.
Niemals – doch, weil ich habe Leiblichkeit, dr-dr-drängle ich, ja auch ein
wenig, habe ich den Blick, der böse sein würde, das Mundwerk, das sich
wörtlich eigenmächtig wundert, wortsam wehrt, was vergehe ich mich jetzt.
Nun habe ich den fehlenden, jedoch den Fehltritt getan. Abwärts geht’s zum
Teufel.
Indes ich stolpere und finde mich nicht mehr während der Bemühung, mich zu
fangen. Seltsam, scheint mir das eine Terrorfahndung in mir selbst: habe
ich, werde ich etwas Böses tun oder es über mich ergehen lassen wie einen
vorbei sich breitenden Menschen in dem überfüllten öffentlichen Gefährt?
Ich reiße mich vielleicht doch zusammen, aber tut es der-wer (ich weiß es
ja nicht, nichts dergleichen) tut es wer? Ich könnte in einen Exzess
geraten, der mir selber schadet aber auch wem anderen, könnte über diesen
vielleicht doch stolpern und eine Kettenreaktion ungewollt auslösen. Wie
lösen wir das Dilemma? Wird der böse Mensch seine Füße rechtzeitig
eingezogen haben, werde ich besonders furchtsam, unaggressiv aber gar
selbstvermindernd mich bewegen, wird das Transportunternehmen mehr Raum
durch Verdichtung der Intervalle, selbst während Nachtzeiten schaffen,
werde ich während meiner Wege zu Arbeit und kulturellen Verpflichtungen
zittern und zu Hause bleiben oder per Taxi und Rad mich bewegen, werde
werdest wird ersiees? Werden wir diese Fahrt überleben? Darf ich meine
Lektüre lesen: sitzend, stehend, substanzlos – sollen Täter, ich, wir
Leichtfertigen gemeinsam Linkswalzer tanzen auf den Ober- oder
Unterleitungen? Bietet wem derdie FahrerIn Asyl? Mache ich mich verdächtig
oder jemand anderes? Bin ich Mensch, bohrt wer in der Nase?
Also: ich bewege mich so schonend für alle Beteiligten durch das fast voll
gerammelte Gefährt und hoffe auf Transport. Was machst du? Wer bist du?
Grausbirnen. Wurden. Zu Folterzeiten. In alle jeweils verfügbaren
Körperöffnungen gestopft. Wir sind die Grausbirnen der heutigen Zeit. Wir
müssen uns nicht pudeln auf. Wir fangen in unseren Köpfen besser nicht
mehr an zu sein, fähig der Phantasien, der Schreie, der noch genannten
Hysterien, dem Willen, in Ortschaften befindlich, erkennbar zu sein …?
Ach, dies dralle Wesen, das hat mich unter seine Füße gekehrt, ich falle,
ich stürzte, plötzlich wandelt sich der Boden gnadenhalber zu einer Erde
ohne Bürger, Schmutz und mich, ich falle wunderselig erhellt, erwählt zur
Hölle, niemand braucht mich zu nötigen, zu tögeln, jemand sonst die
Atemluft zu stehlen, ich falle bodenlos und schlage dankenswerterweise mit
der Schläfe und der halben Stirne auf, vielleicht ist es ein Reinfall, und
es wird nicht hart, bloß beinah weich-behaart im Schoß des möglicherweise
zu Unrecht im Vorhinein bescheltbaren Mannes, ich weiß es nicht, ich weiß
es nicht, ich gehe dieses kleine Stück, nur vielleicht werde ich es
wissen, gleich passiert oder verunstaltet uns, ob wir wir sein wollen –
nicht ein Missgeschick.
Eine Ruhe gebt’s! Ich steige nicht mehr aus, sondern gehe durch den engen
Spießrutengang oder durch die hohle Gasse oder den Mutterschlund oder
durch die Stadt des höchsten Lebenstandards in der Welt, oder habe ich
diktatorische Regimes vergessen, in denen BürgerInnen aus ganz normalen
Gründen plötzlich die nächst-folgende Sekunde nicht erleben; oder habe ich
nur Spaß gemacht?
Keines Blickes würdige ich den Schritt, den ich mache, dem Kleinformat,
mit dem sich wer längs des Wegs begnügt, des Hakenkreuzes, das zur Schau
getragen niemanden bedrückt, ach wir steigen gemeinsam die nächste
Haltestelle aus, viel Vergnügen, ich muss noch zum Billa – nein, das ist
keine Werbung, da wurde jemand unter meinen Augen schon oder so wenigstens
von einem dort Angestellten verbal sexistisch bedrängt, bedrückt, und die
Frau Zuständige von Rewe in München fand das alles totzuschweigen. Ich
gehe heim, habe mich behalten, habe mich da rausgerettet, habe einen Kilo
ganz unfreiwillig eingebüßt, den ich nun mit wiederzugebender Nahrung ohne
Nährwert feiere, auf dass der Folgemorgen mit seligen Erwartungen mich im
Jenseits meiner Realität begrüßt. Nein, das bin nicht ich, nein, der
Teufel steckt nicht in jedem Unbekannten weder noch in mir, nein – uns und
uns oder uns gibt es sondern nicht, nein, ich übertreibe, nein, das stimmt
auch nicht, nein, es passiert nichts, nein, alles wird es schlimm, nein,
das ist, was ich nicht jeden Tag träume, nein, das kann an jedem Tag
geschehen.
Nein nein nei…
Und plötzlich: ein Schmerzschrei aus der Nachbarschaft oder aus dem
Gedächtnis oder aus dem Unbewussten oder in der Einbildung oder aus der
Lust oder in der Realität …
Ich weiß nicht, ich weiß nicht, aber ich weiß nicht, wer es ist.
Ich bitte euch: Seht nach!
