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Horror zum Niederlegen
von Christoph Vivenz

Im lebenden Spieß


Im Stolpern über die Füße gelingt mir fremder Unmut mit Leichtigkeit – die Beine gehören einem Fremden. Ich muss nur bereitwillig weitergehen und mich darauf besinnen und im Schritt mich überraschen lassen, erschreckend zwar ohne zu straucheln, schon verziehend den Mund errappeln, ein Stöhnen ausposaunend.
Nur halte ich.
Bloß halte ich mich.
Ganz bleibe ich still.
Niemals – doch, weil ich habe Leiblichkeit, dr-dr-drängle ich, ja auch ein wenig, habe ich den Blick, der böse sein würde, das Mundwerk, das sich wörtlich eigenmächtig wundert, wortsam wehrt, was vergehe ich mich jetzt. Nun habe ich den fehlenden, jedoch den Fehltritt getan. Abwärts geht’s zum Teufel.
Indes ich stolpere und finde mich nicht mehr während der Bemühung, mich zu fangen. Seltsam, scheint mir das eine Terrorfahndung in mir selbst: habe ich, werde ich etwas Böses tun oder es über mich ergehen lassen wie einen vorbei sich breitenden Menschen in dem überfüllten öffentlichen Gefährt? Ich reiße mich vielleicht doch zusammen, aber tut es der-wer (ich weiß es ja nicht, nichts dergleichen) tut es wer? Ich könnte in einen Exzess geraten, der mir selber schadet aber auch wem anderen, könnte über diesen vielleicht doch stolpern und eine Kettenreaktion ungewollt auslösen. Wie lösen wir das Dilemma? Wird der böse Mensch seine Füße rechtzeitig eingezogen haben, werde ich besonders furchtsam, unaggressiv aber gar selbstvermindernd mich bewegen, wird das Transportunternehmen mehr Raum durch Verdichtung der Intervalle, selbst während Nachtzeiten schaffen, werde ich während meiner Wege zu Arbeit und kulturellen Verpflichtungen zittern und zu Hause bleiben oder per Taxi und Rad mich bewegen, werde werdest wird ersiees? Werden wir diese Fahrt überleben? Darf ich meine Lektüre lesen: sitzend, stehend, substanzlos – sollen Täter, ich, wir Leichtfertigen gemeinsam Linkswalzer tanzen auf den Ober- oder Unterleitungen? Bietet wem derdie FahrerIn Asyl? Mache ich mich verdächtig oder jemand anderes? Bin ich Mensch, bohrt wer in der Nase? Also: ich bewege mich so schonend für alle Beteiligten durch das fast voll gerammelte Gefährt und hoffe auf Transport. Was machst du? Wer bist du? Grausbirnen. Wurden. Zu Folterzeiten. In alle jeweils verfügbaren Körperöffnungen gestopft. Wir sind die Grausbirnen der heutigen Zeit. Wir müssen uns nicht pudeln auf. Wir fangen in unseren Köpfen besser nicht mehr an zu sein, fähig der Phantasien, der Schreie, der noch genannten Hysterien, dem Willen, in Ortschaften befindlich, erkennbar zu sein …? Ach, dies dralle Wesen, das hat mich unter seine Füße gekehrt, ich falle, ich stürzte, plötzlich wandelt sich der Boden gnadenhalber zu einer Erde ohne Bürger, Schmutz und mich, ich falle wunderselig erhellt, erwählt zur Hölle, niemand braucht mich zu nötigen, zu tögeln, jemand sonst die Atemluft zu stehlen, ich falle bodenlos und schlage dankenswerterweise mit der Schläfe und der halben Stirne auf, vielleicht ist es ein Reinfall, und es wird nicht hart, bloß beinah weich-behaart im Schoß des möglicherweise zu Unrecht im Vorhinein bescheltbaren Mannes, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich gehe dieses kleine Stück, nur vielleicht werde ich es wissen, gleich passiert oder verunstaltet uns, ob wir wir sein wollen – nicht ein Missgeschick.
Eine Ruhe gebt’s! Ich steige nicht mehr aus, sondern gehe durch den engen Spießrutengang oder durch die hohle Gasse oder den Mutterschlund oder durch die Stadt des höchsten Lebenstandards in der Welt, oder habe ich diktatorische Regimes vergessen, in denen BürgerInnen aus ganz normalen Gründen plötzlich die nächst-folgende Sekunde nicht erleben; oder habe ich nur Spaß gemacht?
Keines Blickes würdige ich den Schritt, den ich mache, dem Kleinformat, mit dem sich wer längs des Wegs begnügt, des Hakenkreuzes, das zur Schau getragen niemanden bedrückt, ach wir steigen gemeinsam die nächste Haltestelle aus, viel Vergnügen, ich muss noch zum Billa – nein, das ist keine Werbung, da wurde jemand unter meinen Augen schon oder so wenigstens von einem dort Angestellten verbal sexistisch bedrängt, bedrückt, und die Frau Zuständige von Rewe in München fand das alles totzuschweigen. Ich gehe heim, habe mich behalten, habe mich da rausgerettet, habe einen Kilo ganz unfreiwillig eingebüßt, den ich nun mit wiederzugebender Nahrung ohne Nährwert feiere, auf dass der Folgemorgen mit seligen Erwartungen mich im Jenseits meiner Realität begrüßt. Nein, das bin nicht ich, nein, der Teufel steckt nicht in jedem Unbekannten weder noch in mir, nein – uns und uns oder uns gibt es sondern nicht, nein, ich übertreibe, nein, das stimmt auch nicht, nein, es passiert nichts, nein, alles wird es schlimm, nein, das ist, was ich nicht jeden Tag träume, nein, das kann an jedem Tag geschehen.
Nein nein nei…

Und plötzlich: ein Schmerzschrei aus der Nachbarschaft oder aus dem Gedächtnis oder aus dem Unbewussten oder in der Einbildung oder aus der Lust oder in der Realität …
Ich weiß nicht, ich weiß nicht, aber ich weiß nicht, wer es ist.
Ich bitte euch: Seht nach!




Dies ist eine nicht-kommerzielle Publikation satirischen Charakters
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