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Horror zum Niederlegen
von Christoph Vivenz

Geistesarbeit

Ich hab’s gut, ich bin mein eigener Ghostwriter. Jede rechtlich problematische Wertschätzung schiebe ich auf ihn, also denn doch auf mich! Bezahlen tu ich mich heimlich, somit kann wenigstens ich selbst über mich sagen, dass ich einer ertragreichen Beschäftigung nachgehe! Lachen wir nicht, das ist nicht zu vergleichen mit den einsamen Seelen, die sich selbst Briefe, Karten und E-Mails schreiben oder sich mittels zweier getrennter Chataccounts selbst beflegeln und die Zeit stehlen! Das Problem an dieser Konfiguration ist bloß, dass ich arbeiten gehen muss, um meine Honorare begleichen zu können, wovon ich allerdings ganz heimlich mein unerkanntes Dasein friste.
Abgesehen davon, dass ich mit Stilistik, Werktreue, Inhalt, Originalität vollkommen zufrieden bin - nun ja insofern und soweit, wie ich selbst imstande wäre, nicht mehr aber auch nicht weniger …, gehe ich gänzlich unbefangen mit den Manuskripten um, setze meinen Name darauf und freue mich fast diebisch daran. Gerade darin liegt ein Ursprung meiner Unzufriedenheit. Ist es doch ein anderer, dessen Name mein Geisterwerk schmücken muss - die kreative Arbeit wird entlohnt, nicht mir, sondern mir zugeschrieben, ich bin bloß verdingt, Lohnarbeiter, Angestellter meiner selbst aber dennoch eines anderen. Jede Medaille muss zwei Seiten haben … ich bin meine eigene - das muss nicht paradox genannt werden! … Von wem auch, da gemäß anderen Ghostproduktionen die Identität dieses Arbeitsverhältnisses unentdeckt zu bleiben hat. Auch meine Dissertation habe nicht ich verfasst, nur mein zweites Ich - stellen wir uns vor, jemand käme dahinter … Selbst wenn ich bewiese, dass im akademischen Sinne alles einwandfrei vor sich gegangen, lauter gearbeitet wäre und die Autorenschaft belegen könnte, die Arbeit würde mir im rechtlichen Sinne wohl nicht anerkannt aber abgesprochen werden … und denken wir uns meine gesamte Universitätslaufbahn zurück! Wann die Abgabe meiner eigenen Urheberschaft an mich, ohne auf sie äußerlich zu verzichten, ihren Anfang nahm, müsste ich erst genauer überlegen. Das braucht Zeit, die nur ich habe in meinen Mußestunden, die mein anderes Ich zur selben Zeit nicht haben kann, zur Produktion gebraucht, benötigt.
Manchmal schwindelt es mich ganz schlimm, es scheint, als müsste ich stolpern über mich und wüsste nicht, wer hat mir ein Bein gestellt. Ich schlage auf der Erde auf und schlage mir die Nase blutig beziehungsweise die Nase wird mir blutig; wissen wir, was zutrifft? … Ich gestehe, noch übertreibe ich leicht.
Gelegentlich fühle ich mich ungemein beansprucht, obwohl ich eben erst aus langem gewissermaßen traumreichen Schlaf erwacht bin. Meine Übermüdung kann sich über Tage, Nächte hinziehen und mich an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Noch kommt es ein paar Male die Woche vor, dass wir beide schlafen.
Es wird schon weitergehen mit mir. Ich bin frohgemut. Meine Texte werden verlegt, von einem kleinen anspruchsvollen Publikum gelesen. Etwas muss also richtig sein an unserer Arbeit, wir mögen sie nicht Symbiose nennen, aber noch tragen beide dazu bei. Sollte das Ergebnis einmal nicht zufriedenstellend sein, ist es allerdings doppeltes Malheur. … Nicht? Auf alle Fälle: sozusagen.
Natürlich darf von mir niemand wissen, allein von mir. Ich werde nichts verraten, werde mich nicht verraten, werde uns nicht - Verzeihung: mich nicht preisgeben.
Ich glaube auch nicht an Geister!




Dies ist eine nicht-kommerzielle Publikation satirischen Charakters
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