1) Die Lust an der Katastrophe, die von der Erleichterung herrührt, selbst nicht zu den Opfern zu zählen. Die Schaulust, und der Film als wahr gewordener Traum der Gaffer. Schamloser voyeuristischer Nervenkitzel ohne Gefahr für Leib, Leben und Gewissen.
2) Der Zombie als Allegorie des entfremdeten Lebens entbehrt nicht des Charmes. Sogar noch sein Hunger nach Menschenfleisch mag als Sinnbild des unterdrückten Bedürfnisses herhalten, sich vom rohen Leben ein Stück abzubeißen. Der Tabubruch des Kannibalismus als Befreiung der Lust von allen moralischen Zwängen, als Ausbruch aus der schmallippigen bürgerlichen Mündigkeit in eine Orgie der oralen Gier.
"Ich hab Zombies voll gern. Also natürlich nicht so, dass ich unbedingt einen zum Rumknutschen zuhause haben möchte. Aber ein bisschen quietschen, also vor Vergnügen und so, könnt ich schon, wenn ich einen sehe. Weil Zombies so schön eklig sind. Und eigentlich auch ziemlich harmlos, wenn sie nicht grad in großer Masse auftreten, und dich irgendwo in die Enge treiben. Weil sie ja doch nur so langsam rumschlurfen, und gerissen sind sie auch nicht gerade, eher das Gegenteil. Also irgendwie rührend hilflos. Mensch, die tun dir ja nichts, die wollen dich nur fressen."
3) Das Unbehagen in der Kultur darf sich angesichts all der verwüsteten Geisterstädte mit ihren zum Stillstand gekommenen Straßen vorübergehend in Schadenfreude verwandeln.
4) Zombies dienen als allegorische Figuren der Gesellschaftskritik. Romeros Filme thematisieren den Rassismus, den Konsumismus, aber auch die Paranoia der Privilegierten, die sich schwer bewaffnet in Bunkern verbarrikadieren, weil die Horden der hungrigen Habenichtse draußen auf den Straßen jetzt nicht mehr bloß demonstrieren, sondern die Eat-the-rich-Parole buchstäblich in die Tat umsetzen wollen. Diese Paranoia, die ein schlechtes Gewissen erst gar nicht aufkommen lässt, findet ihr Echo in der Angst des selbstgerechten Spießers, in seiner Beflissenheit, das eigene kleine Heim zu schützen, abzuriegeln, und jeden Eindringling mit der Schrotflinte über den Haufen zu schießen.
"Ey, also stell dir mal einen Haufen von geistig schwerst Behinderten vor, total gaga, also quasi wandelndes Gemüse, und die laufen auf einmal alle sabbernd auf den Straßen herum. Na ey, und das Beste, was du für sie machen kannst, ist, ihnen die Spitzhacke volle Pulle in den Schädel reinzudonnern. Weil du die nur so erlösen kannst. Weil die sonst ihr krankes Hirn am Leben hält, sogar wenn ihnen der Unterleib fehlt, oder überhaupt nur noch der Kopf da ist und zähneklappernd aufm Boden rumkullert. Und das Arge ist ja, dass es jeden erwischen kann! Deine eigene Frau, deine Eltern, deine Kinder, einfach alle!"
5) Die imaginäre Erfüllung des heimlichen soziophoben Wunschtraums, der letzte Mensch auf Erden zu sein, wird ebenso beeindruckend in Szene gesetzt wie die Bestätigung des paranoiden Verdachts, die Mitmenschen könnten schon immer nur triebgesteuerte Fressautomaten gewesen sein.
6) Die Zombifizierung der Bevölkerung bewirkt eine schlagartige Entschleunigung der dromologischen Welt. Dies gilt natürlich vor allem für das Fortbewegungsverhalten der Untoten in der guten alten Romero-Tradition. Menschenfleisch ist Slow Food. Auch jüngst gelungene Versuche, den Zombies Beine zu machen (so in der 28 Days/Weeks/Months-Later-Filmreihe), ändern nichts am Zusammenbruch der überhitzten Infrastruktur, an der gespenstischen Stille, die auf einmal in den Städten herrscht. Zumindest solange die Zombies nicht damit anfangen, mit dem Auto zu fahren. (Wenn sie dies tun, wären die Unterschiede zwischen der Zeit vor und nach der Zombieapokalypse vermutlich kaum mehr festellbar.)
"Zombies? Nun, soviel ich weiß, handelt es sich hierbei um ein Mythologem aus der haitanischen Volkskultur, demzufolge zaubermächtige Voodoo-Priesterinnen und Priester andere Menschen zu willenlosen Sklaven machen … Und Sie fragen mich, einen Steuern, Gebühren, Kreditraten und Alimente zahlenden Büroangestellter mit Burnout-Syndrom, was ich von Zombies halte? Gehen Sie, laufen Sie, so schnell Sie können, dorthin, wo der Pfeffer wächst, oder irgendein anderes schwarzes Körnchen Wahrheit …"
7) Ein Schlaraffenland für Plünderer. Alle Fragen der Gerechtigkeit in Hinsicht auf die Verteilung der gesellschaftlichen Reichtümer werden dadurch gelöst, dass die breite Masse, die von der Zombieseuche befallen ist, auf ihre Besitzansprüche verzichtet. Den wenigen überlebenden Menschen, die Wert darauf legen, stehen die entvölkerten Städte und die darin angehäuften Waren zur freien Verfügung. Und keiner von ihnen bekommt einen Erlagschein zugestellt, oder einen Strafzettel fürs Falsch-Parken.
8) Zombies können aus verschiedensten Gründen Identifikationsfiguren sein. Nicht umsonst finden sich in der DVD-Ausgabe der ersten Staffel von "The Walking Dead" auch Zombie-Make-up-Tipps. (Wer sich Gelatine ins Gesicht schmiert, war aber vermutlich schon vorher ein Zombie.)
"Die Frage ist doch, ob Zombies noch was empfinden können, ich mein, ob sie noch Schmerzen, ob sie Angst haben können. Ich mein, wenn man sich ihre verstümmelten Körper anschaut, die klaffenden Wunden, ihr fauliges Fleisch, dann müssten sie doch eigentlich schreien vor Schmerz. Ein Mensch, ein Tier, würde ganz sicher schreien vor Schmerz. Ich mein, sogar wenn die nur noch Hunger verspüren können, dann ist auch das noch eine Empfindung, ein Mangelgefühl, also ein Bedürfnis dieser speziellen Existenzform. Und wenn sich zum Beispiel aus Stammzellen Menschenfleisch im Labor herstellen ließe, dann wäre doch auch eine friedliche Koexistenz denkbar. Ich mein, wenn ich tot bin, ist es mir doch egal, was mit meinem Fleisch passiert, also ich mein, warum nicht so eine Art Menschenfleischspenderausweis einführen, für alle, die was für Zombies übrig haben?"
9) Die therapeutische Konfrontation mit dem Armageddon. Weltuntergangsszenarien greifen die allgemeine Endzeitstimmung auf und verschaffen die grimmige Befriedigung, dass die Apokalypse, vor der man als geschulter Zeitungsleser in ständiger diffuser Angst lebt, nun endlich tatsächlich eingetreten ist.
10) Es wiederholt sich ein archaisches Drama aus der Vorgeschichte der Menschheit: Die moderne, dem Menschen dienstbar gemachte Welt, auf deren Landkarten es keine weißen Flecke mehr gibt, wird über Nacht wieder zur unheimlichen Wildnis, die von Menschenfressern bewohnt ist, und die Zivilisation regrediert in einen gesetzlosen Zustand, in dem alle Gesellschaftsverträge nicht mehr gelten. Die vereinzelten Überlebenden müssen sich wie in Urzeiten erst wieder zusammenschließen, um gemeinsam stark zu sein, müssen sich organisieren, Wege finden, miteinander auszukommen, kurzum: Das Mensch-Sein muss aufs Neue gelernt werden (aber diesmal, wie zu hoffen bleibt, richtig).
