Sein Blick für die Schwächen anderer verschärfte sich mit der Zeit so sehr, dass er ihn sich selbst zum Vorwurf machen musste. Dies ist nur ein bescheidener Bruchteil der berechtigten Fragen, die ihn quälten: War er nicht zu streng, zu engstirnig, indem er in Gegenwart seiner Verwandten und Bekannten immer nur ihre Charakterfehler wahrnahm, ihre kleinen oder größeren Borniertheiten, Brutalitäten, Eitelkeiten, lasche Blasiertheit beim einen, frustrierten Ehrgeiz beim anderen? Rief er diese Mäkel, die er sah, vielleicht sogar selbst hervor, indem sein spitzfindiger Blick an den Oberflächen kratzte, sie einem Insektenstachel gleich durchbohrte und zu hässlichen Hautentzündungen reizte? Unterzog er mit seinem beharrlichen Stochern, Rütteln, Abklopfen die von Haus aus fragilen, weil konstruierten Charaktere unzumutbaren Belastungsproben? Hatte er an ihrer Konstruktion mitgewirkt, diese gar provoziert mit seinem bloßstellenden oder eine Bloßstellung nur unterstellenden Blick, der zu Abwehr und Trotz herausforderte? Waren die unverkennbaren Verätzungen an der menschlichen Substanz durch den Kontakt mit seiner säuerlichen Miene verursacht worden? Hatte er von akzidentiellen Beobachtungen auf allgemeine Wesenszüge geschlossen? Hatte er belanglose Possen in Stein gehauen, um sie als repräsentative Denkmäler betrachten zu können? Blickte er auf derart bedrückende Weise auf die anderen herab, zwang er sie aus Missgunst in und mit seinen Augen nieder, um sich ihnen gegenüber wie ein Gott oder zumindest nicht minderwertig zu fühlen? Er ermahnte sich zu mehr Milde seinen Freunden gegenüber, und begann, systematisch über sie hinwegzusehen.
