Dr. Karl Augenhopf war ein zu recht angesehener Entomologe. Nicht nur sein profundes Fachwissen suchte seinesgleichen, auch sein unermüdlicher Forschergeist bescherte der sonst eher verschlafenen Disziplin der Insektenkunde immer wieder aufsehenerregende Entdeckungen. Als lauterer Mann der Wissenschaft schien seine aufopferungsvolle Liebe nur ihr zu gelten. Umso mehr musste es verwundern, dass Augenhopfs Leben zusehends den Bach hinunter ging. Es fing damit an, dass er Verhaltensweisen entwickelte, die man noch als zwar absonderliche, aber im Grunde harmlose Marotten eines Gelehrten bezeichnen konnte. So musste etwa ein Kollege, der sich von Augenhopf ein Standardwerk der Lepidopterologie ausgeborgt hatte, eines Tages bemerken, dass dieser in seinen Büchern Exemplare der als Bücherskorpione bekannten Spinnentiere Chelifer cancroides züchtete. Zu diesem Zweck kultivierte er Schimmelpilze in den Büchern, denn von Schimmel ernährt sich die Staublaus, und von dieser wiederum der Bücherskorpion. Von seinem Kollegen zur Rede gestellt murmelte Augenhopf nur mit merkwürdig starrem Blick vom Fortpflanzungsakt der Bücherskorpione, die ohne Berührung erfolgt, indem das Weibchen die abgelegt Spermatophore des Männchens in seine Geschlechtsöffnung aufnimmt.
Eine weitere Episode trug sich in einem Labor des Universitätsinstituts zu, in dem Augenhopf arbeitete. Augenhopf war gerade mit der Spezifikation einiger Käfer beschäftigt. Für das Laienpublikum muss hier angemerkt werden, dass sich viele Käferarten nur anhand der Genitalien unterscheiden lassen, die aus den toten Exemplaren herauspräpariert werden müssen. Ein Institutsmitarbeiter beschwor nun, beobachtet zu haben, wie Augenhopf vor dem Mikroskop sitzend unruhig hin- und herzurutschen begann und schließlich mit nur als triebhaft zu beschreibendem Gebaren die Käfergenitalien vom gläsernen Objektträger leckte. Ein anderes Mal sperrte sich Augenhopf im Insektarium ein und verließ es trotz heftigem Anklopfen der Mitarbeiter erst nach einer halben Stunde, wobei er die Melodie von "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" vor sich hin summte, und ein penetrant süßlicher Geruch an ihm haftete. Die umgehende Untersuchung der Räumlichkeiten ergab, dass die gesamte Population Grüner Florfliegen verschwunden war. Ein fantasiebegabter Institutsassistent stellte die waghalsige Vermutung auf, Augenhopf könnte sich entkleidet und mit Insektenpheromonlösung eingerieben haben, um sodann am ganzen Körper übersät von liebeshungrigen Florfliegen abartigsten Lusthandlungen zu frönen. Ein Beweis konnte nicht erbracht werden, auch wenn Augenhopf noch einige Tage lang von auffällig vielen Stubenfliegen umschwärmt wurde. Kurzum, Augenhopfs Verhalten wurde immer seltsamer, sodass es niemanden übermäßig überraschte, als er eines Tages überhaupt nicht mehr zur Arbeit erschien.
Nach einigen Tagen verständigte man die Polizei, die ihn schließlich tot in seinem kleinen, einsam am Land gelegenen Wochenendhäuschen fand. Die kriminalistische Rekonstruktion seines Todes ergab, dass er mit dem Kopf solange gegen einen Holzbalken gerannt sein musste, bis er seinen Verletzungen erlag. Über die Motive wurde unter den Kriminalisten lange gerätselt, auch über die seltsamen Klopfgeräusche, die aus den Holzwänden des Hauses drangen. Ein Arbeitskollege Augenhopfs lieferte schließlich den entscheidenen Hinweis: Die Klopfgeräusche stammten von sogenannten Klopfkäfern, einer Insektenart, die im Volksmund auch als Totenuhr bekannt ist. Die typischen, mit dem Ticken einer Uhr vergleichbaren Geräusche werden vom Männchen erzeugt, das mit seinem Kopf auf das Holz schlägt, um damit Weibchen anzulocken. Augenhopfs nebenbuhlerische Anstrengungen waren ihm offenbar zum Verhängnis geworden.
(Pikantes Detail am Rande: Der volkstümliche Name der Todesuhr entstammt einem alten Aberglauben, der besagt, das Klopfen der Käfer kündige den Tod eines Menschen an.)
